„Zwei Drittel der Erwachsenen haben keinen ausreichenden Keuchhusten-Impfschutz“ – Prof. Wirsing von König über die Gründe für die Impflücken bei Erwachsenen.

„Zwei Drittel der Erwachsenen haben keinen ausreichenden Keuchhusten-Impfschutz“

Anlässlich der Europäischen Impfwoche, die vom 24. bis zum 30. April stattfindet, spricht Prof. Dr. med. Carl Heinz Wirsing von König über den Impfstatus bei Erwachsenen und warum beispielsweise Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten bei Erwachsenen regelmäßig aufgefrischt werden sollten. Das Interview gab er für die Sonderausgabe von „Standort Gesundheit“.

Wie steht es um den Impfstatus bei Erwachsenen in Deutschland?

Die Impfquoten bei Säuglingen und Kindern in Deutschland sind fast alle auf einem recht hohen Niveau. Im Gegensatz dazu lassen die Impfquoten bei den Erwachsenen deutlich zu wünschen übrig, was häufig daran liegen mag, dass man als Erwachsener nicht an Impfungen denkt, dass man nur selten an empfohlene Impfungen erinnert wird und Impfungen häufig als spezifisch für Kinder angesehen werden.

Prof. Dr. med. Carl  Heinz Wirsing von König

Prof. Dr. med. Carl Heinz Wirsing von König

Prof. Dr. med. Carl Heinz Wirsing von König ist ein renommierter Keuchhusten-Experte und berät diesbezüglich u. a. die World Health Organization (WHO). Er ist Arzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie und leitete lange das Konsiliarlabor des Robert Koch-Instituts für Bordetellen. Seit 2017 befindet er sich im Ruhestand.

Was heißt das genau? Wo liegt die Impfquote für Erwachsene z. B. bei Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten?

Es gibt in Deutschland leider kein sogenanntes „Impfregister“, mit dem die Durchimpfungsraten kontinuierlich erfasst werden; daher ist man auf Befragungen angewiesen, z. B. durch das Robert Koch-Institut. Bei einer vor wenigen Monaten veröffentlichten Studie (1) zeigte sich, dass etwa die Hälfte der Erwachsenen in den letzten zehn Jahren keine Tetanus-Diphtherie-Impfung erhalten hatten und nur etwa ein Drittel in den letzten zehn Jahren gegen Pertussis (Keuchhusten) geimpft wurden, obwohl alle diese Impfungen von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlen werden. Zwei Drittel der Erwachsenen haben dementsprechend keinen ausreichenden Keuchhusten-Impfschutz.

Wenn man sich die Entwicklung der Impfquoten in den letzten Jahren anschaut, sowie die Krankheitsausbrüche, wo stehen wir im internationalen Vergleich?

Wie in Deutschland kam es in der gesamten EU in den vergangenen Jahren immer wieder zu Ausbrüchen von durch Impfung vermeidbaren Erkrankungen, so dass die Europäische Kommission dabei ist, entsprechende Empfehlungen zur Verbesserung des Impfstatus auszuarbeiten und die Kooperation zwischen den EU-Ländern zu intensivieren. Jean-Claude Juncker hat dies so zusammengefasst: „Es ist inakzeptabel, dass 2017 noch immer Kinder an Erkrankungen sterben, die eigentlich in Europa längst ausgerottet sein sollten … Kein Wenn und Aber … Vermeidbare Todesfälle darf es in Europa nicht geben.“

Infografik: Europaweiter Anstieg von Keuchhustenfällen 2016

Wie oft sollte man Impfungen denn auffrischen?

Der Schutz vor Keuchhusten hält sowohl nach einer Erkrankung als auch nach Impfung leider nicht lebenslang. Um die erwachsene Bevölkerung zu schützen, empfehlen viele Länder, Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten alle zehn Jahre aufzufrischen.

In Deutschland gibt es im Gegensatz zu Tetanus und Diphtherie beim Keuchhusten bisher lediglich die Empfehlung, diese einmal bei Erwachsenen aufzufrischen und regelmäßig bei bestimmten Indikationen.

Worin liegt der Unterschied zwischen einer Keuchhusten-Erkrankung von Erwachsenen im Vergleich zu Kindern?

Im Gegensatz zu Kindern zeigt sich Keuchhusten bei Erwachsenen meist nur als langandauernder quälender trockener Husten ohne Fieber und ohne Auswurf und wird daher als „normaler“ Husten wahrgenommen, der im Schnitt zwei bis drei Monate andauern kann. Ein Viertel der über 60-jährigen Patienten haben Komplikationen wie Rippenbrüche, Lungenentzündungen und anderes, die durch eine Impfung verhindert werden könnten. Obwohl Pertussis eine bakterielle Erkrankung ist, verbessern Antibiotika übrigens die Symptome nicht. Sie helfen nur dabei, dass die Erkrankung nicht weitergegeben wird. Für Säuglinge kann eine Keuchhusten-Erkrankung lebensgefährlich werden, weil sie bis zum 6. Monat keinen Hustenreflex haben und ersticken können. Ungeimpfte Säuglinge werden übrigens am häufigsten von Erwachsenen wie Mutter, Vater, Oma und Opa angesteckt.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für die großen Impflücken im Alter?

Das Bewusstsein, dass Impfungen uns lebenslang begleiten, ist bei uns meist nicht vorhanden. An die letzte Impfung kann man sich häufig nicht erinnern und Impfpässe werden regelmäßig verloren. Idealerweise sollte jeder Arztbesuch sowohl vom Patienten als auch vom Arzt genutzt werden, um den Impfstatus zu kontrollieren. Gerade bei älteren Menschen ist es wichtig, dass sie neben der Grippeimpfung auch an andere Impfungen denken.

Was tun, wenn der Impfpass nicht auffindbar ist?

Findet man den Impfpass nicht, können die letzten Impfungen beim Hausarzt erfragt werden und dieser kann auch einen neuen Impfpass ausstellen. Ist so gar nichts mehr erinnerlich, dokumentiert oder auffindbar, sollte zumindest der Schutz vor Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Polio und Masern aufgefrischt werden. Nach STIKO-Empfehlung zählt eine nicht dokumentierte Impfung als nicht gegeben. Dementsprechend müsste die komplette Grundimmunisierung neu begonnen werden.

Infografik: Impfraten Keuchhusten 2018

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Quelle
(1) https://link.springer.com/article/10.1007/s00103-019-02902-4