Die Medizin entdeckt die Farben in Hoechst

Die frühen 1860er-Jahre sind magische Jahre der deutschen Industriegeschichte. Die Idee, Anilin und synthetische Farbstoffe für die aufblühende Textilindustrie herzustellen, liegt in der Luft. Im Jahr 1863 riefen die Gründerväter die Farbwerke Hoechst, genauer die Teerfarbenfabrik Meister, Lucius & Co. ins Leben. Auf 100 Quadratmeter Fabrikgelände sorgen fünf Arbeiter für eine Tagesproduktion von zehn bis 14 Pfund Fuchsin in der „Rotfabrik“. Gute 20 Jahre später bringt das Unternehmen sein erstes Medikament auf den Markt.

In den ersten zwei Jahrzehnten konzentriert sich die Firma auf Farben – ist aber auf der Spur neuer Entdeckungen. Denn Wissenschaftler wie Robert Koch und Paul Ehrlich nutzen Farben, um Bakterien besser sichtbar zu machen. Und seit Jahrzehnten suchen Wissenschaftler einen Syntheseweg für das natürliche Fieber- und Schmerzmittel Chinin. Als der Erlanger Chemiker Ludwig Knorr 1883 Phenazon synthetisiert, übernehmen die Farbwerke das Patent. Sie bringen den Wirkstoff im Medikament Antipyrin® auf den Markt – ein Beispiel für das erfolgreiche Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft.

Farben im Dienste der Medizin

Auf Unternehmensseite ist diese gelungene Partnerschaft mit einem Namen verbunden: Professor August Laubenheimer. Er hat die richtige Nase für die wissenschaftlichen Trends seiner Zeit. Und auf Seiten der Wissenschaft sind es drei spätere Nobelpreisträger: Robert Koch, Emil Behring und Paul Ehrlich, die Laubenheimers Rat stets schätzten. Ihm ist es zu verdanken, dass das Unternehmen frühzeitig die Bedeutung synthetischer Farbstoffe für die medizinische Anwendung erkannte und umsetzte – zum Beispiel die Wirkung von Methylenblau gegen den Erreger von Malaria.

Mitarbeiter in der Anlage zur Herstellung von schwerem Wasser (1958)
Mitarbeiter in der Anlage zur Herstellung von schwerem Wasser (1958)

Die intensive Zusammenarbeit zwischen Laubenheimer und den „Großen Drei“ galt insbesondere dem Kampf gegen Volksseuchen wie Tuberkulose, Diphtherie und Syphilis. Mit allen drei Forschern schließen die Farbwerke ab 1892 Verträge ab. So gelingt die erfolgreiche Entwicklung von Tuberculin für die Diagnostik, von Diphtherieserum und von Salvarsan®. 30 Jahre später, 1923, ist das Unternehmen das erste in Europa, das in industriellem Maßstab ein Medikament gegen eine weitere „Volksseuche“ herstellt: Insulin zur Behandlung von Diabetes mellitus.

Mehr zur Geschichte von Hoechst erfahren Sie in der Rubrik „Historie"

Das frühere Verkaufshochhaus hinter der Brücke des Behrensbaus (vor 1920)
Das frühere Verkaufshochhaus hinter der Brücke des Behrensbaus